Mit „Trag das Feuer weiter“ ist der bekannten französisch-marrokanischen Autorin Leïla Slimani wieder ein meisterhafter Roman gelungen. Erzählt wird die spannende Geschichte von Mia, die im Spannungsfeld zwischen der traditionellen, marrokanischen Kultur und der modernen Welt ihren eigenen Weg geht.
Die Protagonistin Mia, Tochter von Aïcha und Mehdi, wächst beschützt im Rabat der 80er Jahre in einem elitären Umfeld auf. Sie fühlt sich wie unter einer Glasglocke, da sie mit dem „normalen“ Leben in der Stadt so gut wie gar nicht in Berührung kommt. In ihrer Welt spricht man ausschließlich Französisch. Zwar soll sie trotzdem klassisches Arabisch lernen, das ihr ein Privatlehrer auf langweilige Art und Weise vermittelt. Denn ihre Familie, der der marrokanischen Oberschicht angehört, hält trotz ihres eher westlich geprägten Lebensstils auch an den traditionellen Werten fest. Doch mit der arabischen Sprache tut sie sich schwer, obwohl sie in allen anderen Fächern Bestleistungen erbringt. Mia ist anders, das merkt sie so richtig, als sie sich in ein Mädchen verliebt. Doch sie kann nicht sie selbst sein und wird in der Schule gemobbt, als ihre sexuelle Orientierung öffentlich wird. Sie möchte aus dieser Gesellschaft ausbrechen und den Weg finden, der zu ihr passt. Obwohl sie immer Schriftstellerin werden wollte, beschließt sie, anderweitig Karriere zu machen und richtig viel Geld zu verdienen. Sie geht nach Paris, wo sie eine Eliteschule absolviert. Das Examen sichert ihr die Aufnahme auf eine renomierte Wirtschaftsfachschule, die ihren Absolventinnen und Absolventen eine große Karriere verspricht.
„Trag das Feuer weiter“ von Leïla Slimani ist nach „Das Land der anderen“ und „Schaut, wie wir tanzen“ das letzte Buch einer Trilogie. Da die wichtigsten Personen des Familienclans auf den ersten Seiten kurz erklärt sind, kann man den Roman auch ohne Probleme solo lesen. Normalerweise mag ich keine Familiensagas und war anfangs etwas skeptisch. Doch da ich den Empfehlungen von Denis Scheck, dem Moderator der Sendung Druckfrisch vertraue, habe ich mich trotzdem an das Buch gewagt und es keine Minute bereut. Im Gegenteil, es wäre ein herber Verlust, die meisterhafte Geschichte der faszinierenden, jungen Frau Mia nicht gelesen zu haben. Denn sie trägt das Feuer weiter, das in ihr brennt, und geht ihren eigenen Weg. Wie dieser genau beschaffen ist und wo sie ihr Kampf gegen Konventionen und für die eigene Freiheit am Ende hinführt, verrate ich an dieser Stelle nicht. Nur soviel sei verraten: Ich brannte von Anfang an mit Mia mit und konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Auch andere, wichtige Figuren wie insbesondere die Mutter Aïcha und den Vater Mehdi zeichnet die Autorin mit großem Einfühlungsvermögen in deren Innenleben und mit Tiefgang. Denn sie lässt alle Figuren aus der personalen Erzählperspektive sprechen. „Trag das Feuer weiter“ ist ein autofiktionaler Roman, der dem wahren Leben der Autorin an vielen Stellen ähnelt. Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte, denn es ist ganz große Erzählkunst.

