Eine weitere Neuentdeckung ist der Autor Leon de Winter für mich. Sein Roman Stadt der Hunde dreht sich um den Neurochirurgen Jaap Hollander. Dessen besessene Suche nach seiner Tochter, chirurgische Glanzleistungen sowie ein Ausflug ins Übersinnliche ergeben eine meisterhaft komponierte Geschichte.
Zugegeben, die Geschichte braucht ein bisschen Zeit, bis sie in die Gänge kommt und fast hätte ich im ersten Drittel die Geduld verloren: Der Protagonist Jaap Hollander, ein weltbekannter Gehirnchirurg, kehrt jedes Jahr nach Tel Aviv in die Wüste Negev zurück, wo seine Tochter vor 10 Jahren mit ihrem Freund verschwunden ist. Warum kann er ihren Tod nicht akzeptieren, wenn er ansonsten ein nüchterner Wissenschaftler ist und seine Tochter ihm früher eher fremd geblieben war? Seine Motive bleiben zunächst im Dunkeln. Und warum nimmt er die Bitte des saudischen Königs an, dessen Tochter einer komplizierten Gehirnoperation zu unterziehen, um ihr Leben zu retten? Der nahezu aussichtslose Eingriff widerspricht seinem Berufsethos, den er ansonsten so hoch hält. Er handelt entgegen seiner Überzeugung, nur um die im Fall eines Operationserfolgs angebotene immense Summe für die Suche nach seiner Tochter zu verwenden. So blieb die Figur des Jaap Hollander für mich zunächst zu sehr von inneren Widersprüchen geprägt. Auch der Plot ist für meinen Geschmack anfangs zu einfach strukturiert, obwohl ich kein Fan verschlungener Plots mit zu vielen Zeitebenen und Sprüngen bin.
Doch ab dem ersten, unerwarteten Wendepunkt konnte ich mich dem Sog der Geschichte nicht mehr entziehen. Und bald war ich unsicher, was Realität war und was Fiktion, die der Vorstellung des Jaap Hollander entspringt. Denn dieser hatte sich nun ebenfalls einer Gehirnoperation unterziehen müssen und halluzinierte möglicherweise. Am Ende war es fast zuviel des Guten. Anfangs zu wenig, am Ende fast zu viel war ich schlussendlich dennoch begeistert vom spannenden Roman von Leon de Winter. Nach dem etwas lahmen Start verwebt der Autor auf kunstvolle Art und Weise die Begebenheiten des Romans miteinander und lässt die Leserin oder den Leser mit seinem Protagonisten mitfiebern und tief in dessen Seele blicken. Also: Nicht aufgeben und Stadt der Hunde von Leon de Winter bis zum Ende lesen.


Wie immer toll beschrieben aber ich hätte wohl aufgegeben 😏