In „Einer fehlt“ erzählt Thommie Bayer die Geschichte einer großen Freundschaft, die Paul, Georg und Schubert ein Leben lang verbindet. Mich als neugeborener Thommie Bayer-Fan hat der einfühlsam erzählte Roadtrip von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen.

Paul und Georg sind seit der Internatszeit befreundet, Schubert (der keinen Vornamen haben will), lernten sie auf einer Italienreise kennen. Damals waren alle drei in Carolin verliebt und nacheinander mit ihr zusammen, aber Schubert hat sie letztendlich bekommen. Carolin ist ein wichtiges Bindeglied zwischen den Freunden, verpasst der Freundschaft aber auch Kratzer. Als Georgs Frau stirbt, verschwindet er spurlos und den Freunden ist sofort klar, dass sie sich auf die Suche nach ihm machen müssen – egal wie lang es dauern und wo es sie hinführen würde. Einer Eingebung folgend fahren sie schließlich bis nach Ligurien und somit fast bis zu den Wurzeln ihrer Freundschaft.

„Einer fehlt“ von Thommie Bayer ist ein Roman über den Wert von echten Freundschaften, die Hochs und Tiefs überdauern und ein Leben lang halten können. Am Anfang der Geschichte hat mich die große Selbstverständlichkeit beeindruckt, mit der sich Paul und Schubert auf die Suche nach Georg machen, obwohl ihre Freundschaft natürlich nicht mehr dieselbe ist wie in der Studienzeit und jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Um sich einig zu werden, reicht für die beiden noch immer ein wortkarges, kurzes Telefongespräch. Im weiteren Verlauf tauchen wir mit den Romanfiguren tief in die Handlung sowie in ihre Gefühlswelt und Vorgeschichte ein – fast so, als wären es unsere eigenen Freunde. Dabei erzählt Thommie Bayer gekonnt auf zwei Zeitebenen und spielt dabei mit Wechseln der Erzählperspektive: In der Gegenwart schildert er das Geschehen aus der Sicht von Paul, für die Rückblenden in die Studienzeit der 70er Jahre hingegen wählt er einen allwissenden Erzähler, der uns alle drei Charaktere gleich gut erschließt. Auch in „Einer fehlt“ zog mich Thommie Bayer wie gewohnt mit seinem ruhigen, ausdrucksstarken Erzählstil sowie der schönen Sprache immer tiefer in die Handlung hinein. Die Rückblenden in die Studienzeit sind perfekt dafür geeignet, der Geschichte ihre Schwere zu nehmen und den Leser öfter schmunzeln zu lassen. Dadurch gelingt es dem Autor, nicht zu sehr ins Melancholische abzudriften, sondern die Balance zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit zu finden – ganz ähnlich so, wie man es sich in einer guten Freundschaft wünscht.