Wieder eine Neuentdeckung für mich und wieder habe ich diese in der gut sortierten Darmstädter Stadtbibliothek gefunden :-). Der Roman „Halbinsel“ von Kristine Bilkau muss mich wirklich begeistert haben, denn ich verschlang ihn innerhalb eines Tages. Die faszinierende Mutter-Tochter-Geschichte wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnet.
„Halbinsel“ von Kristine Bilkau ist die Geschichte von Annett und Linn. Die Mutter Annett ist nach dem frühen Tod ihres Mannes im kleinen Dorf im nordfriesischen Wattenmeer hängen geblieben, wo sie sich weitestgehend aus dem Leben zurückgezogen hat. Währenddessen zog es die Tochter Linn in die Welt hinaus, wo sie als Umweltmanagerin mit großem Engagement dafür arbeitet, Wälder aufzuforsten und so das Klima zu verbessern. Doch sie gerät mit ihrem Arbeitgeber in einen Gewissenskonflikt und bricht nach einem kontroversen Vortrag zusammen. Annett holt sie zu sich nachhause und wünscht sich, dass Linn nach kurzer Zeit ins Leben zurückfindet. Doch diese kündigt bei ihrem Arbeitgeber, löst ihre neu eingerichtete Wohnung in der Großstadt auf und richtet sich stattdessen auf längere Sicht in ihrem alten Elternhaus ein.
Zwischen der Ende vierzigjährigen Annett und ihrer Mitte zwanzigjährigen Tochter brechen bald Konflikte auf. Diese treten jedoch selten offen zu Tage, sondern finden eher im Kopf von Annett statt, aus deren Sicht der Roman in der Ich-Perspektive erzählt wird. Die Mutter kann es nicht aushalten, dass es der Tochter schlecht geht. Sie wünscht sich stattdessen, dass sie dem Bild ihrer Tochter als aktiver, erfolgreicher Mensch entspricht und dadurch ihre Erwartungen erfüllt. Im Zwiegespräch mit ihrem verstorbenen Ehemann, der ihre große Liebe war, schafft sie es jedoch, ihr Verhalten teils zu reflektieren und in Frage zu stellen. Warum setzt sie ihre Tochter durch zu viele Fragen unter Druck? Warum kann sie nicht einfach vertrauen und ihr die Zeit lassen, die sie braucht, um wieder auf die Beine zu kommen? Und wie weit darf fürsorgliches Verhalten eigentlich gehen, bevor es übergriffig wird und den anderen unfrei macht? Und was ist überhaupt der Antrieb ihrer Fürsorge? Kristine Bilkau schaffte es gekonnt, die Geschichte von Annett und Linn in einem lakonischen, ruhigen Stil zu erzählen und mich als Leserin trotzdem bis zur letzten Seite gespannt bei der Stange zu halten. Ich litt und freute mich mit den beiden, obwohl mich die Mutter mit ihren ewigen Selbstzweifeln und Fragen teils nervte, genau wie die Tochter mit ihrem wenig einfühlsamen Verhalten der Mutter gebenüber. Nach meiner Meinung richtet sich das Buch ausschließlich an Personen, die eine Mutter-Tochter-Beziehung haben. Denn nur diese werden die vielen Konflikte, aber auch Momente tiefer Verbundenheit durchlebt haben, die Mutter-Tochter-Beziehungen prägen und so die Lektüre spannend und bereichernd empfinden. Das einzige Manko für mich besteht darin, dass sich die Gefühls- und Gedankenwelt von Linn nur durch die Gedanken von Annett erschließt, wodurch ein leichtes Ungleichgewicht zwischen den ansonsten ebenbürtigen Charakteren entsteht. Ich hätte mir anstelle der Ich-Perspektive eine Erzählweise gewünscht, die mehr Gleichgewicht schafft und die Tochter als weniger zweitrangig erscheinen lässt.
Wunderbar geschrieben, treffsicher wie immer. Ich befürchte, dass ich das Buch nicht in einem Rutsch „verschlingen“ würde aber eine Mutter/Tochter Beziehung fehlt mir oder auch nicht.